Katholische Kirchengemeinde St. Michael Tübingen

Predigt 30. Juni 2005 (Günter)


Predigt zum Krankentag in St. Michael

Joh 2, 1-11
30.6.2005
(Martin Günter)


download als pdf


Liebe Gemeinde,
"Die Christen müssten erlöster, sie müssten fröhlicher aussehen...!" -
so begründete einmal der Philosoph Friedrich Nietzsche, warum für ihn das Christentum nicht glaubwürdig sein könne. "Die Christen müssten erlöster, sie müssten fröhlicher aussehen...!"
Zu dieser Äußerung kann man nun stehen wie man will: Mancher von uns wird vielleicht denken, dass man hier als Christ ja schon wieder etwas "muss" - was gibt es nicht alles, was wir als Christen tun und lassen sollten, und jetzt auch noch das! Darüber hinaus wäre es ja eine maßlose Überforderung, einen freudigen Glauben dauernd zu Schau zu tragen angesichts der täglichen Beschwerden und Probleme, die jede und jeder von uns zu tragen hat....
Und doch meine ich, dass wir die Aussage Nietzsches nicht vorschnell abtun sollten: "Die Christen müssten erlöster, sie müssten fröhlicher aussehen..."; diese Aussage berührt unser Glaubensverständnis; sie fragt uns Christen an, was für uns "glauben" bedeutet, wie wir unser Christsein verstehen.
Ich nehme an, dass Viele von uns den Glauben und die damit verbundene Lebensführung als eine sehr ernste Sache ansehen - schließlich geht es dabei ja auch um alles: Um das Gelingen unseres Lebens vor Gott; um sein Heil, das er uns und der Welt verheißen hat. Dabei ist unser Blick oft auf die Anforderungen des Glaubens, auf die Gebote und Verbote gerichtet - und weniger auf die Verheißungen und Zusagen Gottes an uns. Und dann stellt sich schnell die Angst ein, nicht genügen zu können in den oft schwierigen Situationen unseres Alltags; wir alle kennen ja die Erfahrung, immer wieder hinter Ansprüchen und Forderungen zurückzubleiben, die wir und andere an uns stellen...; wir kennen das Gefühl, etwas schuldig zu bleiben, Menschen und Dingen nicht gerecht zu werden, und das manchmal gerade vor dem Hintergrund unseres Glaubens...
"Die Christen müssten erlöster, sie müssten fröhlicher aussehen...!"
Wie gut, dass uns da das heutige Evangelium nicht von Sollen und Müssen erzählt, sondern von einer Hochzeit - einem Fest, bei dem auch Jesus und seine Angehörigen dabei sind. Beim Evangelist Johannes beginnt Jesu öffentliches Wirken nicht mit einer Bußpredigt, nicht mit dem Ernst des Umkehrrufes, sondern mit einem Freudenfest: Ein programmatischer Beginn - Freude, Fest und Feier stehen am Anfang des Evangeliums!
Aber die Freude ist gefährdet, sie droht überschattet zu werden von plötzlich auftretendem Mangel: "Sie haben keinen Wein mehr". Welche Blamage für die Gastgeber, welch Bloßstellung vor den Gästen! Ich denke, jede und jeder von Ihnen kann sich da hineinversetzen! Und - da haben wir es wieder: Plötzlich wird das Unvermögen offenbar, weil die Vorräte erschöpft sind! Da ist sie wieder: Die Angst, nicht genügen zu können, die Scham, nichts mehr zu bieten zu haben. Da erkennen wir sie wieder: Die Situationen, wo wir an unsere Grenzen stoßen...
Und was dann? Sich zurückziehen, aufgeben, missmutig akzeptieren, dass das Leben halt so ist? Sich in Allgemeinplätze flüchten, dass einem im Leben nun mal nichts geschenkt wird, man`s halt nehmen muss, wie`s kommt?
Das Evangelium führt uns auf eine andere Fährte; die Mutter Jesu sieht den Mangel und vertraut ihn Jesus an: "Sie haben keinen Wein mehr." Und obwohl sie zunächst eine Abfuhr bekommt, hält sie an ihrer Zuversicht fest und sagt zu den Dienern: "Was er euch sagt, das tut!"
Jesus ist kein Wundermann im Hintergrund, den man bei Bedarf hervorholen könnte; er ist kein Garant für ein beschwerdefreies Leben. Aber in ihm kommt Gott uns nahe und damit die Hoffnung, dass unser Sorgen nicht umsonst ist; ihm dürfen wir unsere Nöte anvertrauen...: "Was er euch sagt, das tut!"
Aufgrund dieser Hoffnung Marias gilt dann auch für uns sein Wort: "Füllt die Krüge mit Wasser!" - ein Wort, das Neues bewirken kann. Ich stelle mir vor, die steinernen Krüge von Kana sind die Krüge Gottes, seine Einladung an uns, all das, wo wir nur mit Wasser kochen können, hineinzufüllen:
Das Wasser unserer oft schwierigen Beziehungen; das Wasser unserer Ungeduld mit uns selbst und mit anderen; das Wasser unserer Gebrechlichkeit, des Nicht-Mehr-So-Könnens-Wie-Wir-Es-Gerne- Wollten; das Wasser unserer Enttäuschungen; das Wasser unserer Angst und Ohnmacht, unserer Hilflosigkeit; das Wasser unserer Zweifel, unseres mangelnden Vertrauens ...
Jesus lädt uns ein, all das in die Krüge der Liebe Gottes zu schütten - betend, zweifelnd, stumm oder offen klagend. Was könnte da in Bewegung kommen, wenn wir wie die Diener von Kana anfingen, die Krüge mit unseren Alltäglichkeiten zu füllen? Was könnte da in Bewegung kommen, wenn wir anfingen, unsere Grenzen nicht mehr zu verdrängen, nicht zu verstecken, sondern ihm anzuvertrauen?
Das Wasser wurde zu Wein - Wein als Symbol für Leben in Fülle; das Fest konnte weitergehen. Gott will, dass wir erfüllt leben können, dass wir mit ihm immer wieder Heil erfahren inmitten unseres oft beschwerlichen Alltags - auch wenn dies oft nicht so spektakulär geschieht wie in Kana, sondern nur im Kleinen erspürt werden kann. Unsere Beschwerden werden nicht unbedingt verschwinden - vielleicht bekommen wir von ihm aber die Kraft geschenkt, anders damit leben zu lernen; vielleicht schickt er uns Begegnungen, die uns stärken und Mut machen; und vielleicht kann er auch in uns Manches verwandeln, dass wir innere Ruhe und Momente des Heilwerdens in unserem Alltag finden können.
Wir laden Sie ein, sich jetzt ihm anzuvertrauen - im Sakrament der Krankensalbung und der Eucharistie.


Fürbitten:

Herr, Jesus Christus, du hast dein Wirken in der Verwandlung von Wasser in Wein offenbart.
Wir bitten dich:
Für alle Menschen, die mit Gebrechlichkeit, Krankheit oder Behinderungen leben müssen: Heile du, was möglich ist, und gib ihnen jeden Tag neu die Kraft, die sie brauchen.
Für alle Angehörige und Pflegende: Gib ihnen ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte, die notwendige Gelassenheit in ihrem Dienst und segne du ihr Tun.
Für die Kirchen: Hilf allen, die in ihnen Verantwortung tragen, deine befreiende Botschaft weiterzugeben und sie im Alltag zu leben.
Für uns alle: Schenke uns immer wieder Erfahrungen deiner Gegenwart; lass uns in deiner Nähe Ruhe und Zuversicht finden für unseren weiteren Weg.
Herr, Jesus Christus, du schenkst uns Zeichen deiner Nähe - oft unerwartet, klein und verborgen. Schärfe unsere Sinne, damit wir sie wahrnehmen und uns an ihnen freuen können. Darum bitten wir heute und alle Tage unseres Lebens. Amen.


Röm 8, 31b-39

31b Ist Gott für uns, wer ist dann gegen uns?
32 Er hat seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle hingegeben - wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?
33 Wer kann die Auserwählten Gottes anklagen? Gott ist es, der gerecht macht.
34 Wer kann sie verurteilen? Christus Jesus, der gestorben ist, mehr noch: der auferweckt worden ist, sitzt zur Rechten Gottes und tritt für uns ein.
35 Was kann uns scheiden von der Liebe Christi? Bedrängnis oder Not oder Verfolgung, Hunger oder Kälte, Gefahr oder Schwert?
36 In der Schrift steht: Um deinetwillen sind wir den ganzen Tag dem Tod ausgesetzt; wir werden behandelt wie Schafe, die man zum Schlachten bestimmt hat.
37 Doch all das überwinden wir durch den, der uns geliebt hat.
38 Denn ich bin gewiss: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Gewalten
39 der Höhe oder Tiefe noch irgendeine andere Kreatur können uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.