Katholische Kirchengemeinde St. Michael Tübingen

Predigt 10. Juli 2005 (Günter)


Predigt zum 15. Sonntag im Jahreskreis in St. Michael

Mt 13, 1-9
10.7.2005
(Martin Günter)


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Liebe Gemeinde,
eigentlich hätte es doch so schön werden können: Das Programm war zusammengestellt, die Quartiere gefunden, Einrichtungen bereit, ihre Türen zu öffnen und viele standen parat, den jugendlichen Gästen aus aller Welt zur Seite zu stehen und Einblicke in unsere Gemeinde zu geben - aber die Gäste kommen nicht zu uns: Die Begegnungen im Vorfeld des Weltjugendtags werden aufgrund der geringen Anmeldezahlen nur an einigen Orten in unserer Diözese stattfinden können....
Eigentlich hatte es doch so vielversprechend begonnen: Kompetente und motivierte Gruppenleiterinnen und Gruppenleiter waren gefunden, ein Konzept für die Firmvorbereitung erarbeitet und die Begegnungen mit den Jugendlichen liefen gut - aber seither sehen wir sie in unserer Gemeinde kaum mehr: Offenbar ist der Funke nicht übergesprungen, sind Gemeinde und Kirche für die Gefirmten uninteressant geblieben....
Eigentlich hatten wir uns doch so viel vorgenommen: Voller Neugier und mit viel gutem Willen haben die Kirchengemeinderäte vor 4 Jahren ihre Arbeit begonnen, motiviert, dem Wohl der Gemeinde zu dienen, sich für Vielfalt und Lebendigkeit einzusetzen - aber bald sind auch die Grenzen des Möglichen deutlich geworden: Sachzwänge, schwierige Entscheidungsfindungen und Konflikte, bei denen es auch zu Enttäuschungen und inneren Verletzungen kam....
Drei Beispiele von Erfahrungen aus der Gemeindearbeit, die hier wie in vielen anderen Gemeinden gemacht wurden; drei Beispiele dafür, dass die Arbeit in der Gemeindeseelsorge nicht nur eine schöne Seite hat, sondern manchmal mühsam und frustrierend sein kann, für Ehrenamtliche genauso wie für Hauptamtliche; ich denke, viele von Ihnen haben da auch schon ihre ganz eigenen Erfahrungen gemacht!
Ja, es gibt sie auch bei uns, solche frustrierenden Erfahrungen; aber die Frage ist nun nicht, ob es woanders besser oder schlechter ist... Die Frage ist für mich, wie wir als Gemeinde mit solchen Erfahrungen umgehen, wie wir uns als Einzelne und als Gemeinschaft ihnen stellen! Nehmen wir sie achselzuckend hin mit der Bemerkung, dass es so etwas doch überall gibt, das Misserfolge nun mal dazugehören? Beklagen wir uns, dass einem im Leben halt nichts geschenkt wird und man es eben hinnehmen muss, wie es kommt? Versuchen wir mit aller Kraft, Dinge doch noch zu verändern oder ziehen wir uns eher resigniert zurück?
Das heutige Evangelium weist uns einen anderen Weg.
In ihm erzählt uns Jesus ein einfaches Gleichnis: Ein Sämann ging aufs Feld, um zu säen, heißt es da lapidar. Ein Teil der Körner wurde von den Vögeln gefressen, ein anderer schoss hoch und verdorrte, einen weiteren schließlich erstickten die Dornen. Der Rest aber fiel auf guten Boden und brachte reiche Frucht, hundertfach, sechzigfach und dreißigfach.

Was mich an diesem Sämann fasziniert, sind drei Dinge:
Da ist zunächst seine Großzügigkeit: Obwohl er als Landwirt natürlich an Gewinn und Ertrag interessiert ist, sät er die Körner mit großzügigen, weiten Bewegungen - es scheint ihn nicht zu stören, dass Teile davon auf den Weg, auf felsigen Grund oder in die Dornen fallen. Offenbar will er dem Wachstum auch unter ungünstigen Bedingungen eine Chance geben, auch um den Preis von Verlusten. Keine vorherige Bodenanalyse, kein agrartechnisches Gutachten, keine Experten-komission, welche Areale der Aussaat würdig sind. Er geht los und beginnt, das zu tun, was notwendig ist, wenn etwas wachsen soll - und sät.
Im Blick auf unsere Arbeit in der Gemeinde wirft dies für mich Fragen auf: Wie gehen wir an die anstehenden Aufgaben heran - voller Bedenken, nur mit Rückversicherungen oder mit einer inneren Weite des Herzens, die auch mögliche Misserfolge in Kauf nimmt? Wie säen wir aus? Und welche Erwartungen haben wir bei unserer Aussaat?
Der Sämann unseres Gleichnisses muss ein ungeheures Vertrauen in sein Saatgut und in den Boden haben - das zweite, was mich an ihm fasziniert. Er scheint zu wissen, dass er ein gutes Saatgut und insgesamt gutes Land hat. Unbeirrt tut er seine Arbeit, in der Gewissheit auf kommenden Ertrag. Und dieser gibt ihm Recht: Hundertfach, sechzigfach, dreißigfach....
Was säen wir aus? Vertrauen wir - wie er - auf die Wirksamkeit des Wortes Gottes oder doch lieber auf unsere selbstgestrickten Konzepte, auf Events und Happenings, auf gute Rhetorik und Knalleffekte? "Denn wie der Regen und der Schnee vom Himmel fällt und nicht dorthin zurückkehrt, sondern die Erde tränkt und sie zum Keimen und Sprossen bringt, wie er dem Sämann Samen gibt und Brot zum Essen, so ist es auch mit dem Wort, das meinen Mund verlässt: Es kehrt nicht leer zu mir zurück, sondern bewirkt, was ich will, und erreicht all das, wozu ich es ausgesandt habe" (Jes 55,10-12) - so haben wir in der Lesung gehört. Womit wollen wir die Menschen gewinnen - mit Gottes Wort oder mit uns selbst? Und auf welchen Gebieten säen wir, welche grenzen wir aus, weil da ja doch nichts zu hoffen ist, weil da der Einsatz eh nicht lohnt? Wonach beurteilen wir Menschen und unsere Erfolgsaussichten?
Und schließlich fasziniert mich die Gelassenheit und die Geduld, die dieser Sämann an den Tag legt: Er tut das, was er tun muss, was er tun kann - und lässt dann die Dinge reifen; er schenkt ihnen die Zeit, die Wachstum und Reife brauchen; kein Turbodünger, keine Wachstumsbeschleuniger - er weiß, dass es hier nicht um schnelle Erfolge, nicht um Rekordernten gehen muss, gehen kann....
Wo finden wir solche Geduld, solchen langen Atem in unserer Gemeinde, in uns selbst? Wo täten sie Not - in unserer Gemeinde, in unserem Leben? Wann haben wir solch langen Atem schon einmal selbst als wohltuend erfahren? Was kann uns helfen, zuversichtliche Gelassenheit und Geduld immer wieder in unserem Leben einzuüben?

Liebe Gemeinde,
ein einfaches Gleichnis, das uns Jesus da erzählt; ein Gleichnis, das in seiner Schlichtheit Fragen stellt - Fragen an uns ganz persönlich, an uns als Gemeinde. Aber es will uns mit diesen Fragen keinen Druck m achen nach dem Motto: "Ihr müsst, Ihr sollt".... Vielmehr stellt es uns das Bild eines alltäglichen Vorgangs in der Natur vor Augen und will damit unser Vertrauen stärken: In die Wirksamkeit des Wortes Gottes - d.h. in das, was unsere Gemeinde ausmacht, was uns selbst aufbaut und was auszusäen wir alle berufen sind. Jesu Botschaft an uns lautet: Bei aller Sorge um die Zukunft dürft Ihr zuversichtlich sein, dass Euer Bemühen um das Wort Gottes Frucht bringt; vertraut auf seine innere Kraft, die oft im Verborgenen wirkt; sät es großzügig aus, ohne auf schnelle Erfolge zu schielen, ohne vorzeigbare Ergebnisse erzwingen zu wollen, ohne Angst vor Misserfolgen; gebt dann dem Samen Zeit, zu wachsen und zu reifen - und seid gewiss: Er wird Frucht bringen, hundertfach, sechzigfach, dreißigfach.
Und unsere Frustrationserfahrungen?
Es kann eine Gemeinde weiterbringen, wahrzunehmen, wie gastfreundlich und weltoffen sie ist - auch wenn dann keine Gäste kommen....
Nichts ist umsonst, wenn Gruppenleiter am Ende sagen, dass die Arbeit mit den Jugendlichen und das Miteinander-Auf-Dem-Weg-Sein für sie selbst viel gebracht hat - und wer weiß, was in den Jugendlichen reift....
Manch trockene Gremiensitzung kann Weichen für künftige Aussaaten stellen und schließlich kann Gottes Geist auch in Konflikten, im Ringen miteinander wirksam werden....
"Wer Ohren hat, der höre!" Amen.



Fürbitten:

Gottes Wort verändert, es hinterlässt Spuren, bringt Frucht.
Im Vertrauen darauf bitten wir:
Gib allen, die Deine Botschaft weitertragen wollen, die richtigen Worte für die Menschen unserer Zeit und Welt.
Schenke den Enttäuschten und Resignierten Vertrauen in Dein wirkmächtiges Wort und die Kraft, neu zu beginnen.
Öffne uns in unserer lauten, mit Worten überfluteten Welt Ohren und Herz für Dein Wort.
Sprich den Trauernden das Wort, das tröstet und befreit, und lass es auch in unseren Worten hörbar werden.
Sprich unseren Verstorbenen Dein Wort der Auferstehung, das sie führt in Deinen großen Frieden.
Guter Gott, in Deinem Sohn Jesus Christus hast Du Dein erlösendes Wort in die Welt gesandt. Durch ihn danken wir Dir und preisen Dich heute und alle Tage. Amen.


Einführung

Nichts prägt sich uns Menschen so intensiv ein wie Bilder, die wir gesehen haben - schöne, positive, aber auch negative, schreckliche. Um sich etwas besonders gut merken zu können, verknüpfen manche Menschen Dinge ganz bewusst mit Bildern, die dann als "Eselsbrücke" dienen. Bilder können Vieles ausdrücken, sie prägen uns und unser Leben. Nicht umsonst hat Jesus immer wieder Gleichnisse benutzt, um Wesentliches zu sagen, um seine Botschaft zu verkünden.
Im Zentrum der heutigen Verkündigung steht sein Gleichnis vom Sämann - ein Bild, das uns erreichen will, als Einzelne wie als Gemeinde.