Katholische Kirchengemeinde St. Michael Tübingen

Predigt 31. Juli 2005 - TüGast-Sommerinsel (Steiger/Hörnig)


(Un-)Verträgliches zwischen Vergangenheit und Zukunft auch mit Koh 3,1-15 im Gepäck
Ökumenischer Gottesdienst auf der TüGast-Sommerinsel


Predigt entlang Koh 3,1-15
31.7.2005 in Tübingen - Platanenallee
(Thomas Steiger / Thomas Hörnig)


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V       Heute haben wir einen besonderen Gast bei uns auf der Neckarinsel. „Weisheit“ wird ihm nachgesagt. Ein Philosoph im alten Israel. KOHELET oder Prediger genannt. Es ist nicht übermäßig erbaulich, sogar für viele anstößig, was er schreibt. Wenn er manchmal die Toten glücklich preist, die das Elend der Welt nicht mehr sehen und erleben müssen. Das mag einem schon den Tag verderben.

Z       Aber auch mal schön. Genial. Tief. Eigenwillig. Existentialistisch. Wenn er unsterbliche Worte für Dichter und Liedermacher bietet: „Alles hat seine Zeit“.
Pete Seeger oder die DDR-Band Pudhys haben schöne Lieder draus gemacht. Sozusagen einen „Kohelet-Blues“.

V       Ein provozierender Einzelgänger – manchmal weltverneinender Freund aller Klosterbrüder und Frauenfeinde, gebildeter Jerusalemer und mit einem Zug zu Vergeblichkeits- und Vergänglichkeitsgedanken oder orientalischer Gelage-Poesie...

Z       dann wieder ein nach Lust und Laune räsonierender Macho aus dem 3. Jahrhundert vor Christus. Einer, der nur einen fernen Gott kennt und doch, mit einem altertümlichen Wort gesprochen, voll Gottesfurcht ist. „Gottesfurcht, Respekt vor dem Über-uns, ist alles Weisheit Anfang.“

V       Ein Aufklärer und Kritiker der Herrschaft des Menschen über den Menschen, der Ausbeutung der unteren Stände.

V/Z    Für den – Gott sei Lob – in der Bibel auch Platz war.


V       Hören wir... auf Prediger 3, 1-15 in unübertrefflicher Polarität:


Z:      1. Ein jegliches hat seine Zeit,
und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde:

V:      2. geboren werden hat seine Zeit,

Z:      sterben hat seine Zeit;


(V:     pflanzen hat seine Zeit,

Z:      ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit;)


V:      3. töten hat seine Zeit,

Z:      heilen hat seine Zeit;


V:      abbrechen hat seine Zeit,

Z:      bauen hat seine Zeit;


V:      4. weinen hat seine Zeit,

Z:      lachen hat seine Zeit;


V:      klagen hat seine Zeit,

Z:      tanzen hat seine Zeit;


(V:      5. Steine wegwerfen, hat seine Zeit,

Z:      Steine sammeln hat seine Zeit;)


Z:      herzen hat seine Zeit,

V:      aufhören zu herzen hat seine Zeit;


Z:      6. suchen hat seine Zeit,

V:      verlieren hat seine Zeit;


(Z:     behalten hat seine Zeit,

V:      wegwerfen hat seine Zeit;


V:      7. zerreißen hat seine Zeit,

Z:      zunähen hat seine Zeit;)


V:      schweigen hat seine Zeit,

Z:      reden hat seine Zeit;


Z:      8. lieben hat seine Zeit,

V:      hassen hat seine Zeit;


V:      Streit hat seine Zeit,

Z:      Friede hat seine Zeit.


V:      9. Man mühe sich, wie man will, so hat man keinen Gewinn davon.

10. Ich sah die Arbeit, die Gott den Menschen gegeben hat, daß sie sich damit plagen.

11. Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch Ewigkeit hat er in ihr Herz gelegt; nur daß der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende.


Z:      12. Da merkte ich, daß es nicht Besseres dabei gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben.


V:      13. Denn ein Mensch, der da ißt und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes.

Z:      14. Ich merkte, daß alles was Gott tut, das besteht für immer; man kann nichts dazutun noch wegtun. Das alles tut Gott, daß man sich vor ihm fürchten soll.

15.     Was geschieht, das ist schon längst gewesen, und was sein wird, ist auch schon längst gewesen; und Gott holt wieder hervor, was längst vergangen ist.

 



Z       Fortsetzung... (Schlag auf die Schachuhr)


V       mit Schlagabtausch! (Schlag auf die Schachuhr).

„Was geschieht, das ist schon längst gewesen, (…) und Gott holt wieder hervor, was vergangen ist.“
So ist’s recht!, meine ich. Wenn nur mehr solche Weisheit hätten, wie der gute Prediger in der Bibel. Sag ich doch immer: Früher war’s einfach besser! Mehr Ehrfurcht vor Gott, Respekt vor der Erfahrung der Alten. Überhaupt mehr Ruhe, um etwas zu tun. Keine so unerträgliche Hektik, wie heute. Nicht zum Aushalten ist das. Kein Wunder, daß viele die guten alten Zeiten herbei sehnen. Und alles Versprechen von einem neuen Menschen lackiert nur alte Fehler neu um.
(Schlag auf die Schachuhr).

Z       Du bist und bleibst einfach ein Schummler (schamloser Betrüger) mit deiner billigen Vergangenheitsbeweihräucherung. Und dazu hast du noch die Hälfte des Predigers unterschlagen. Die hätte ich nämlich zitiert: Was sein wird, ist auch schon längst gewesen. Das sagt er nämlich auch. Ich fürchte mich nicht vor der Zukunft. Ich freue mich, etwas gestalten zu können. Aber da hast du Feigling natürlich die Hosen voll. Statt daß du der Zukunft ins Auge blickst und dir denkst: Laß mich was ausprobieren, die Möglichkeiten in mir in die Waagschale werfen, hängst du deinen alten Gedanken nach. Ich will nicht mehr in deine Vergangenheit zurück, ins Niemandsland der so ungleichen Freiheit! (Schlag auf die Schachuhr).


V       Jetzt aber mal langsam. Was willst du denn machen in deiner Zukunft? Das, was du bisher schon getan hast, deinem eigenen Leben hinterher hecheln: noch ein neues Hemd, noch ein Paar neue Schuhe; eine zweite Lebensversicherung, weil man dir sagt, daß deine Rente nicht reichen wird; noch ein verkaufs-offener Sonntag, um es vor Langeweile in den eigenen vier Wänden nicht aushalten zu müssen; einen schnelleren PC, um Dich selber zu beschäftigen; die dritte Flugreise in diesem Jahr, sie kostet ja fast nichts mehr; jeden Sonntag ein anderes gottesdienstliches Ereignis. Meinst Du wirklich, Du könntest das Rad neu erfinden und so Sinn für Dein Leben finden? (Schlag auf die Schachuhr).


Z       Daß du aber auch immer alles schlecht reden mußt. Es hat doch auch Vorteile, daß unsere Welt enger zusammen gerückt ist, und mehr Menschen eine Chance bekommen. Das hättest du dir früher nicht träumen lassen. Und ich will ja auch gar nicht behaupten, daß früher alles schlechter war, nur daß morgen alles schlechter sein sollte, das glaube ich eben auch nicht. Trotz all der Probleme mit Arbeitslosigkeit und Rente.

Und heute …(nachdenklich) „Ein jegliches hat seine Zeit, alles unter dem Himmel hat seine Stunde“ – so beginnt doch der Prediger. Und dann erzählt er von allem, was du und ich auch kennen, von Streit und Frieden, von Liebe und aß, von schweigen und reden. Alles hat seine Zeit...

Die Zeit, ein kostbares Geschenk, damit wir in ihr klüger, besser, reifer, menschlicher werden...

Zeit ist nicht da für ein ruinöses Verhalten, mit dem man Tag für Tag, Stunde für Stunde, wie in Michael Endes Momo die grauen Herren die geschenkte Zeit vernichten, sie stehlen oder verschwenden, sie nutzlos verstreichen oder gar totschlagen; dem lieben Gott die Tage stehlen, wie der Volksmund zu sagen weiß, um die Mißachtung und den Mißbrauch der zeit als Lebensgeschenk zu brandmarken – Allotria, der unsinnige Zeitvertreib, der Unfug als Zeitdelikt, der Verstoß, gegen den die Weisheit des Predigers die Einsicht aufzubieten weiß, daß alles seine von Gott bestimmte Zeit habe: das Geborenwerden und Sterben, das Weinen und Lachen
(vergißt auf die Schachuhr zu schlagen!)


V       Wirst du jetzt melancholisch, oder doch einsichtig (läßt sich Zeit …)
Na ja, übrigens hast Du vergessen auf die Uhr zu schlagen.

Z       Mist! Aber hm, was soll’s! Ein Wink des (Gottes) Predigers vielleicht, daß wir die Zeit einmal unter anderen Gesichtspunkten betrachten sollen. Weißt Du, ihr nicht immer hinterher laufen, nicht immer auf die Uhr gucken, sie nicht als Entfliehendes, sondern als Geschenktes betrachten – jetzt diese Stunde, heute morgen, Geschenk nur da zu sein, zu schwätzen, zu essen, zu trinken – davon erzählt Kohelet übrigens auch; er bietet Freude, die Arznei des Vergessens:
vgl. V. 13:

„Denn ein Mensch, der da ißt und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes.“
(Schlag auf die Schachuhr).


V       Ein schöner Gedanke. So als ob uns mit den Möglichkeiten, die uns zur Verfügung stehen, das Leben schön machen wolle. In unserer Stadt könnten wir da auch noch etwas mehr davon brauchen … Elementarfreuden sind das – allen zugänglich. Essen und Trinken. Dazu sozusagen Luxusfreuden: „Alle Zeit seien deine Kleider weiß und Öl soll auf deinem Haupt nicht fehlen.“ (9,7) und die Freuden im Zusammenleben mit einem geliebten Menschen. (9,9)

Im jüdischen Gottesdienst wird Kohelet am Laubhüttenfest gelesen. Dort wird der Zug durch die Wüste vergegenwärtigt. Verbreitet der Prediger vielleicht Wüstenstimmung? Oder spendet er in „Wüstenphasen“, kollektiv oder individuell, vielmehr den Trost, daß auch „Wüsten“ jeder Art nicht endlos sind? Eine banale Erkenntnis, dennoch kann sie das Leben erleichtern! Und falls ich den Prediger recht verstehe, will er gerade dies: Und das Leben leichter machen, damit wir, frei von Illusionen, seine Freuden, die es denn doch gelegentlich mit sich bringt, ohne kleinlaute Bedenken genießen lernen. Auch gute Gelegenheiten verwehen rasch, kommen nie wieder – die Zeit kennt kein Pardon.


Z:      Es ist etwas geheimnisvolles um die Zeit und den Inbegriff von Zeit: die Uhr. Sie bestimmt unsere Tageseinteilung. Ohne sie könnten wir für die nächste Stunde nichts planen, könnten keine einzige Unternehmung festlegen. Aber die Uhr erinnert uns daran, daß uns unsere Zeit zugemessen ist. Sie zeigt die Vergänglichkeit unserer Zeit. In einem alten deutschen Nachwächterlied wird jeder Stundenschlag mit einem besonderen Mahnruf angekündigt. Von der Mitternacht heißt es: „Zwölf – das ist das Ziel der Zeit, Mensch, bedenk die Ewigkeit!“

„Alles ist nichtig“, kann der Prediger sagen, aber durch diese Nichtigkeit hindurch erscheint uns die Ewigkeit, kommt uns nahe und zieht uns zu sich. Wenn die Ewigkeit in die Zeit hineinruft, dann ist der Aktivismus überwunden. Wenn die Ewigkeit in die Zeit hineinruft, dann ist der Pessimismus überwunden. Wenn die Ewigkeit unsere Zeit bestimmt, dann wird die Zeit ein Gefäß der Ewigkeit. Dann werden wir ein Gefäß für das, was ewig ist.