Katholische Kirchengemeinde St. Michael Tübingen

Predigt 31. Juli 2005 - TüGast-Sommerinsel (Steiger/Hörnig)


Satt

Gedanken zu Mt 14,13-21 und Jes 55,1-3
18. Sonntag im Jahreskreis A - 30./31.7.2005 in Tübingen und Bühl
(Thomas Steiger)


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Satt, ja über-sättigt, das sind Charakteristika, die auf uns zutreffen. Nicht zu un-recht, wie ich meine. Keine Generation vor uns hatte so unbeschränkten Zugriff auf alles, was unsere Welt an Ressourcen anbietet. Damit meine ich ausdrück-lich nicht nur das Lebensnotwendige wie Nahrung und Kleidung und Sicherheit vor den Naturgewalten - das alleine schon wäre viel im Vergleich mit den Ver-hältnissen so vieler Menschen auf unserem Planeten. Nein, ich meine damit die geradezu tagtägliche Überflutung mit Informationen, mit Genüssen und Ablen-kungen, mit technischen Möglichkeiten und Erleichterungen des Lebens. Ir-gendwie ist für alles in so reichem Maße gesorgt, daß uns dies schon gar nicht mehr auffällt, daß es uns im Gegenteil lästig wird und wir uns angeekelt oder überfordert oder überdrüssig abwenden. Freilich will ich damit nicht die aktuel-len Probleme unseres Landes, die Nöte etlicher ausblenden. Aber ich will trotz-dem darauf beharren, wie satt wir sind. Die scheinbar einzige Möglichkeit, da-mit umzugehen, ist der neuerliche Konsum: Kaufen, besitzen als Versicherung der eigenen Zufriedenheit, als Garantie des nimmer endenden Völlegefühls. So-lange ich nur satt bin, geht es mir gut.

Die Jünger Jesu an jenem ursprünglich einsamen Ort, den plötzlich Tausende bevölkern, wollen eben jenes Schema bedienen - entweder weil sie selbst darauf herein gefallen sind, oder weil sie um seine Wirksamkeit wissen: Wegschicken, die Gier nach Sattheit befriedigen, eintauchen in den Kreislauf von nie endender Bedürfnisbefriedigung. Schick doch die Menschen weg, damit sie in die Dörfer gehen und sich etwas zu essen kaufen können. So macht es die Politik, so ma-chen es Eltern, so geht es in der Jugendarbeit zu, und in der Kirche?! Auf diese Weise kriegt man die Leute los und mit sich selbst macht man es nicht anders. Und im tiefsten Inneren ahnen wir die Leere und Hohlheit, die damit nur zemen-tiert wird. Aber es ist halt bequem, geht schnell und fast immer reicht es bis zum nächsten Mal, bis der Kreislauf von neuem beginnt.

Aber was, in Gottes Namen, was suchen wir denn? Was wollen die vielen, vie-len Menschen von Jesus? Was braucht unser Land wirklich: die Kinder, unsere Jugend, die Studierenden, die ins Berufsleben eintreten, die 40 bis 60-Jährigen, die Rentner, die am Ende des Lebens? Es ist, behaupte ich, nicht die Befriedi-gung der oberflächlichen Bedürfnisse, nicht das ständig vorübergehende Sätti-gungsgefühl! Es ist etwas anderes, das Sehnen und Suchen nach …, ja, und jetzt wird es mit den Begriffen schwierig. Halten wir kurz inne, überlegen Sie selbst, bitte. (…) Und nun stammle ich für Sie und mich: Das Sehnen und Suchen nach meinem guten Platz auf der Welt, nach: Heil, Glück, Sinn, Erfüllung, Erlösung. Das christliche Sprechen hält einen Schatz von Begriffen dafür bereit, die aller-dings häufig verstaubt sind und altbacken daher kommen. Aber die Sache selbst, das Bedürfnis nach Sättigung, die nicht so leicht flüchtig ist, die bleibt. Das weiß Jesus; und deshalb widerspricht er so kategorisch seinen Jüngern: Sie brauchen nicht wegzugehen. Gebt ihr ihnen zu essen! Jesus weiß sich dabei in der Traditi-on seines Lieblingsgewährsmannes aus der Heiligen Schrift, des Propheten Jesa-ja, den unsere Liturgie noch dazu mit dem passenden Abschnitt ganz stimmig heute an die Stelle der 1. Lesung plaziert hat. Durst und Hunger werden bei Gott gratis und franko gestillt. Nur das, was wieder Hunger macht, was nicht wirklich nährt und satt macht, gibt es für Geld zu kaufen, nicht das wirklich Lebensnot-wendige: Neigt euer Ohr mir zu, und kommt zu mir, hört, dann werdet ihr leben. Auf dem Hintergrund dieser Konsequenz des Jesaja will Jesus den Hunger der Menschen stillen. Die fünf Brote und die zwei Fische stehen für das, was Gott ganz natürlich in uns Menschen hinein gelegt hat, was uns möglich ist, wenn wir unsere eigenen Ressourcen angreifen, was sich schier unbegrenzt teilen läßt, wenn wir es nur wollen.

Offenkundig gibt es dafür eine große Nachfrage in unserer übersättigten Zeit: so viel Bedarf nach Sinnstiftung, nach Therapie, nach innerer Stimmigkeit. Und - bislang zumindest, in den zurück liegenden Jahren seit dem II. Weltkrieg - eine stetig abnehmende Eignung der Kirche, diesen Bedarf zu decken. An vielen Or-ten wird danach gesucht, wenig bei uns. Und dies, obwohl nach Jesu Absicht unter seinen Jüngern genau der richtige Ort dafür sein soll - denn davon kündet das Brotvermehrungsevangelium. Sind wir ein zu abgekapselter Haufen? Ver-steht man unsere Sprache nicht? Dringen viele gar nicht über die strengen "Tischsitten" zum Brot des Lebens vor? Viel ist in den letzten Wochen von ei-ner Trendwende zu hören, seit dem Tod von Papst Johannes Paul II.: ein christ-licher Aufbruch, Wiedereintritte, Erwachsenentaufen. ('Hinweis auf die Le-benswege heute abend!) Bei allen optimistischen Anzeichen mahne ich doch zur Reserve, weil ich mit soz. über die Sättigungskultur noch nicht im klaren bin: über unsere Bereitschaft, zu essen zu geben; und über die Annahme unserer Speise. Beides sollten wir im Blick behalten.

Daß wir als Christen etwas anzubieten haben, was satt macht, daran kann kein Zweifel bestehen. Die gesamte Botschaft Jesu spricht von nichts anderem, als daß der Mensch sich sättigen soll an dem, was zu wahren Leben diene, und daß eben dies bei Gott und in der Orientierung an den Lebensgesetzen in seinem Reich - den Himmel im Blick - zu holen sei. Fünf Brote: Liebe könnten sie hei-ßen und Gerechtigkeit und einmalige Würde und Friedfertigkeit und Freiheit. Sie machen satt. Und hinzu kämen dann noch - für den etwas exquisiteren Be-darf die zwei Fische: Toleranz und Freundschaft könnten sie heißen. Dafür steht unser Glaube ein, den Jesus als Gottes Willen vertreten hat und den er seinen Nachfolgern als Richtschnur empfahl. Sie zu teilen, ist leicht, es reicht für alle und macht alle satt. Mehr als alles andere, übrige nach dem wir uns so oft aus-strecken.